Trendgewicht statt Tageswert: Was ein gleitender Durchschnitt wirklich leistet

2026-09-02 Trendgewicht Gleitender Durchschnitt Grundlagen

Dein Gewicht besteht aus zwei Anteilen: dem, was sich wirklich verändert, und dem, was am jeweiligen Tag zufällig dazukommt. In der Signalverarbeitung heißt das eine Signal und das andere Rauschen. Die Waage zeigt dir immer beides zusammen, und das Rauschen ist mit ein bis zwei Kilo deutlich größer als die wöchentliche Veränderung, die du eigentlich sehen willst.

Ein gleitender Durchschnitt trennt die beiden. Das ist der ganze Trick, und er ist alt: Happy Scale, Libra und die Hacker's Diet von John Walker arbeiten seit Jahren nach demselben Prinzip.

Wie das 14-Tage-Fenster rechnet

Der 14-Tage-Durchschnitt ist eines der Verfahren, die Trendcurve anbietet: der Mittelwert aller Tageswerte der letzten 14 Tage, einschließlich heute. Jeden Tag rückt das Fenster einen Tag weiter: Der neue Wert kommt hinzu, der älteste fällt heraus.

Ein Beispiel mit stark gerundeten Zahlen. Angenommen, deine letzten 14 Tageswerte liegen zwischen 83,4 und 85,6 kg und ergeben zusammen 1176,0 kg. Geteilt durch 14 sind das 84,0 kg Trendgewicht. Kommt am nächsten Tag ein Ausreißer von 85,9 kg dazu und fällt gleichzeitig ein alter Wert von 84,5 kg heraus, verschiebt sich der Trend um (85,9 − 84,5) / 14 = 0,1 kg.

Das ist der entscheidende Punkt: Ein Tag, der um 1,4 kg nach oben ausreißt, bewegt den Trend um ein Zehntel Kilo. Das Rauschen ist nicht weg, es ist auf ein Vierzehntel gestaucht.

Fehlt an einem Tag die Messung, rechnet Trendcurve mit den vorhandenen Werten im Fenster weiter. Lücken machen den Trend also nicht kaputt, sie machen ihn nur etwas sprunghafter, weil weniger Werte den Durchschnitt tragen.

Welches Verfahren rechnet in der App?

Seit Version 1.1 wählst du das Verfahren selbst. Voreingestellt ist die exponentielle Glättung: Sie gewichtet den neuesten Tageswert am stärksten und ältere immer schwächer, statt vierzehn Werte gleich zu behandeln. Das Ergebnis ist ähnlich ruhig, reagiert aber schneller auf echte Veränderungen. Daneben stehen der Durchschnitt über 7 oder über 14 Tage und die doppelte exponentielle Glättung, die zusätzlich die Richtung mitführt und Lücken überbrückt.

Alles, was hier über Glättung, Verzögerung und die 7-Tage-Änderung steht, gilt für alle vier Verfahren. Sie unterscheiden sich nur darin, wie stark sie Ruhe gegen Reaktionsschnelligkeit eintauschen. Unter „Einstellungen & mehr → Trend-Algorithmus“ stehen zu jedem Verfahren Vor- und Nachteile und der heutige Trendwert, damit du den Unterschied an deinen eigenen Daten siehst.

Die 7-Tage-Änderung

Das Trendgewicht allein sagt dir, wo du stehst. Die Richtung liefert die 7-Tage-Änderung: Trendgewicht heute minus Trendgewicht vor sieben Tagen.

Diese Zahl ist robuster als jeder direkte Vergleich zweier Tageswerte, weil auf beiden Seiten der Subtraktion bereits geglättete Werte stehen. Sie entspricht rechnerisch dem Durchschnitt der täglichen Veränderung über eine Woche und ist damit genau die Größe, die man umgangssprachlich meint, wenn man sagt "ich verliere ein halbes Kilo pro Woche".

Was du siehst Was es bedeutet
Trendgewicht 84,0 kg Dein geglätteter Stand heute
7-Tage-Änderung −0,45 kg Dein Trend liegt 450 g unter dem von vor einer Woche
Tageswert 85,3 kg Heutige Messung, inklusive Rauschen

Warum der Trend "hinterherhinkt"

Das ist die häufigste Irritation, und sie ist kein Fehler, sondern die direkte Folge der Mittelwertbildung. Ein Durchschnitt der letzten 14 Tage beschreibt naturgemäß eher die Mitte dieses Zeitraums als das Ende.

Solange du abnimmst, liegt das Trendgewicht deshalb über der heutigen Anzeige, weil noch schwerere Tage im Fenster stecken. Nimmst du zu, liegt es darunter. Diese Verzögerung beträgt rund eine Woche.

Man kann sie nur um den Preis von mehr Rauschen verkürzen. Ein 7-Tage-Fenster reagiert schneller, springt aber deutlich stärker; ein 30-Tage-Fenster liegt fast unbewegt da und zeigt eine Verbesserung erst, wenn sie längst zwei Wochen alt ist. Vierzehn Tage sind der Kompromiss, der ein bis zwei Ausreißer pro Woche verkraftet und trotzdem auf eine echte Veränderung innerhalb weniger Tage anspricht.

Aus dem Trend wird die Prognose

Wenn die Trendlinie ruhig genug ist, kann man eine Gerade hindurchlegen. Ihre Steigung ist deine Wochenrate, und mit ihr wird aus dem Verlauf eine Vorhersage: Bei 78 kg Ziel, 84 kg Trend und 0,45 kg pro Woche fehlen 6 kg, also rund 13 Wochen.

Mit dem rohen Tageswert wäre diese Rechnung wertlos. Die Steigung durch verrauschte Punkte hängt fast vollständig davon ab, welchen Tag man zufällig als Anfang und als Ende erwischt. Erst die Glättung macht die Rate stabil genug, um daraus ein Datum abzuleiten.

Deshalb sagt Trendcurve auch nichts, wenn die Grundlage nicht reicht: Bewegt sich der Trend kaum, läuft er vom Ziel weg, liegen zu wenige Messungen vor oder ist die letzte älter als drei Tage, erscheint der Grund statt eines Datums. Ein erfundenes Zieldatum wäre bequemer und wertlos.

Wie du den Trend im Alltag liest

Sieh dir den Tageswert an, bewerte ihn aber nicht. Er ist die Rohmessung, mehr nicht. Er darf hoch sein.

Triff Entscheidungen an der 7-Tage-Änderung. Ob die Kalorien stimmen, ob eine Umstellung wirkt, ob eine Pause nötig ist: Das entscheidet sich an der geglätteten Woche, nicht am Dienstagmorgen.

Gib jeder Änderung zwei Wochen. Weil der Trend eine Woche Verzögerung hat, ist eine Ernährungsumstellung frühestens nach zehn bis vierzehn Tagen fair beurteilbar. Wer nach drei Tagen nachjustiert, korrigiert Rauschen.

Erwarte Plateaus. Auch bei perfekt eingehaltenem Defizit kann der Trend zwei bis drei Wochen seitwärts laufen, etwa weil Wasser eingelagert wird, das den Fettverlust maskiert. Was dann sinnvoll ist, steht in Wie schnell solltest du abnehmen?.

Warum das Rauschen überhaupt so groß ist und woher es kommt, erklärt Warum dein Gewicht täglich schwankt.